Guru in einer Fremden Welt
Interview geführt von Claudia Riedl
Yohji Yamamoto sagt, er hasse Mode. Trotzdem ist der Japaner einer der gefragtesten Designer.
Mr Yamamoto, wie würden Sie folgenden Satz beenden: Eine Pause zu machen bedeutet für mich…
Wissen Sie, ich bin sehr gleichgültig in Bezug auf die Frage: Was kommt als Nächstes? Es interessiert mich nicht. Ich weiß nur, dass meine Instinkte tadellos funktionieren. Also atme ich ein und aus und spüre, was für mich kommt. So einfach. Gleichzeitig können Sie mir glauben, dass ich mir viel Mühe gebe, ja nicht in den Mainstream der Modewelt zu geraten. Wie war noch gleich Ihre Frage?
Eine Pause zu machen bedeutet… Sie sollten den Satz beenden.
Ich spreche gern mit mir selbst, und ich sage mir immer: Gib mir eine Pause!
Der nächste Satz: Wichtig ist mir…
Leben, Raum. Frei sein. Keine Verantwortung haben.
Aber Sie haben zwei Kinder.
Ja, das stimmt, und ich habe Schuldgefühle ihnen gegenüber.
Wieso das?
Es tut mir leid, dass ich sie in die Welt gesetzt habe. Sie können ja nichts dafür. Das Leben ist nicht einfach, und in dem Moment, wo man merkt, das Leben ist real, ist man zwangsläufig dazu verdammt zu kämpfen, zu leiden.
Sie selbst hatten eine schwere Kindheit, geboren kurz nach Kriegsende.
Ja, das war sehr hart. Was haben unsere Eltern gelitten? Sie haben einen echten, fürchterlichen Krieg erlebt! Meine Mutter war früh Kriegswitwe, und so kam es, dass ich mir als Einzelkind immer wahnsinnig viel Mühe gab, ein braver Junge zu sein. Heute kommt es mir so vor, als hätte ich damals die gesamte Zeit geschauspielert. Brav zu sein, das ist nicht einfach.
Wann haben Sie aufgehört, den braven Jungen zu spielen?
Niemals. Ich tu es noch heute. Jetzt zum Beispiel.
Weiß Ihre Mutter, was Sie arbeiten?
Sie tut so, als ob, erkennt meine Arbeit an, aber sie hört niemals auf zu fordern: »Du bist der einzige Sohn. Du musst dich um mich kümmern. Ich will nicht allein sein.« Dabei arbeitet sie auch für meine Firma. Wir wohnen ein paar Meter auseinander. Wir sehen uns jeden Tag!
Jeden Tag?
Ja. Aber sie ist nie zufrieden, fordert immerzu.
Das hat doch auch gute Seiten. Sie müssen immer ein guter, braver, fleißiger Junge sein!
So etwa mit 40 Jahren war ich auf einem sehr harten Konfrontationskurs ihr gegenüber und habe immer gesagt: Es reicht, Mutter! Aber heutzutage bin ich wieder milde, weil ich verstanden habe, welch ein Leid ihr widerfahren ist, durch den Tod meines Vaters im Krieg.
Dann sind Sie heute so etwas wie ein Ersatzehemann für Ihre Mutter?
Könnte man so sagen.
Ist es so: Erst kämpft man gegen die Eltern, und dann kommt man zurück zu ihnen?
Ja, das ist wahrscheinlich bei jedem so.
Was bedeutet Ihnen das Reisen? Ständig unterwegs zu sein von Tokyo nach Paris und zurück?
Das hat mit Reisen nichts zu tun, das ist Pflichterfüllung.
Wie wird Ihr Streben nach Freiheit in Ihren Arbeiten sichtbar?
(Sehr lange Pause, er überlegt). Seit Beginn meiner Karriere habe ich Mode immer ganz grundsätzlich infrage gestellt. Ich könnte es auch so formulieren: Ich hasse Mode.
Von Anfang an, bis heute?
Ja. Ich mache zwar im handwerklichen Sinn Mode, aber ich hasse die Modewelt.
Warum hassen Sie die?
Die Mode hechelt den Trends hinterher. Ich will zeitlose Eleganz. Die Mode hat keine Zeit. Ich schon. Ich sage: Hallo, Frau, wie kann ich dir helfen? Die Mode hat nicht genug Zeit, eine solche Frage überhaupt zu stellen, weil sie ständig damit beschäftigt ist herauszufinden: Was kommt als Nächstes? Es geht mir mehr darum, Frauen zu helfen, weniger zu leiden, mehr Unabhängigkeit und Freiheit zu erlangen.
Mr Yamamoto, haben Sie eigene Zeitrhythmen, besonders gestaltete Arbeitsabläufe, individuelle Zyklen gegen die Alle-halbe-Jahre-was-Neues-Formel der Modewelt?
Ich versuche, einen eigenen Rhythmus zu haben. Aber ich glaube, ich habe keinen. Wissen Sie, ich habe ja einen ganz schönen Widerspruch auszuhalten: Ich bin der Mann, der Mode hasst, aber in der Modewelt arbeitet.
Was haben Sie den Frauen mit Ihrer Mode bislang beschert?
Meine frühen Arbeiten haben immer gesagt: Frauen sollen sich auch wie Männer anziehen dürfen. Frauen in Japan hatten damals zu meiner Studienzeit immer Kostüme an und sahen aus wie Puppen. Ich fand das nicht gut. Gleichzeitig dachte ich: Frauen in Militäruniformen, wie sexy!
Sie sagen: Schönheit resultiert aus Makeln, Fehlern, Unzulänglichkeiten, Zufällen. Warum?
Wenn die Dinge zu perfekt anliegen, wirkt alles wie eine Skulptur, nicht wie Mode. Anders gesagt – und erlauben Sie mir jetzt mal, kindisch zu werden: Ich habe mich nie in Models verliebt. Die sehen aus wie Maschinen, nicht wie Menschen. Ich sehe immer nur die Fehler, die Schwächen, das Unperfekte. Das zieht mich an.
Ich nenne Ihnen jetzt einige Begriffe, und Sie sagen mir, was Sie damit verbinden, einverstanden? Der erste lautet Minimalismus.
Nur ein anderes Wort für Faulheit.
Deutsche Kultur?
(Lacht). Deutsche Kultur?
Adidas, Pina Bausch, Heiner Müller, Barenboim, Bayreuth?
Und Wim Wenders.
Ja, der auch. Gibt es etwas an der deutschen Mentalität, der deutschen Art zu denken, das Ihnen gefällt?
Über die Frage denke ich viel nach. Warum habe ich so viel mit Deutschen zu tun? Wissen Sie, ich glaube, es ist ganz einfach so gewesen, dass ich bei all den von Ihnen genannten Leuten gleich in der ersten Sekunde, im ersten Moment, in dem ich sie traf, dachte oder besser fühlte: Ich kenne denjenigen schon, wir kennen uns von früher, aus einer anderen Zeit. Es gibt da etwas, das wir teilen. So etwas Vertrautes gab es da, wie wenn man sich lange kennt. So was wie Telepathie, wenn Sie so wollen. Affinität. Man muss nicht viel reden.
Und noch ein letzter Begriff: Wagner.
Tristan und Isolde. Heiner Müller wollte alle Konventionen der Oper niederreißen. Eine neue Oper erfinden. Er gab mir den Auftrag, mit fast allen Regeln zu brechen, und ich gab mir alle Mühe, dies zu tun. Heute kommt es mir so vor, als wären wir damals kleine Kinder gewesen, und wir schrien gegen eine sehr hohe und starke Mauer an: die Tradition.
Noch einmal: Warum tauchen so viele Deutsche in Ihrer Biografie auf?
Keine Ahnung.
Wie war das mit adidas? Warum nicht Nike?
Die fand ich angenehm unmodisch. Nike war mir immer irgendwie zu modisch, zu schnell.
Adidas: verschlafen, deutsch…
Handwerk. Tradition. Erbe. Die drei Streifen.
Wie sind Sie überhaupt mit adidas zusammengekommen?
Einfache Geschichte. Ich wollte Turnschuhe in meine Kollektion aufnehmen und bat meinen Assistenten, bei adidas anzurufen. Der Rest kam von selbst. Keine Verträge. Einfache Zusammenarbeit. Jeder half dem anderen. Geben und Nehmen. Mit der Zeit wurde die Sache immer ernster. Adidas wollte, dass ich Teil der Firma werde, dass ich eine Kollektion für sie entwerfe, dann kam es zum Vertrag, jetzt arbeiten wir zusammen.
Haben Sie sich mit der Firmengeschichte beschäftigt?
Ich bekam damals eine Führung durch das Archiv, was mich sehr inspiriert hat. Ich mag alte Dinge. Ich war zwar ein Anfänger im Bereich der Sportmode, Sportschuhen, aber eins war mir von Anfang an klar: Die Sachen, die es da auf dem Markt gibt, die sind scheußlich. Das kann nur besser werden. Ich machte einen Besuch im Nike-World-Geschäft in New York, stand vor den Regalen und musste laut schreien, so hässlich fand ich das alles. Die Schuhe kamen mir vor wie Monster. High-Technology-Monster.
Manche sehen aus wie Computer, Ghettoblaster.
Prothesen. Künstlich.
Wie sieht Ihr Turnschuh aus?
Weniger wie Monster.
Hat Ihre Arbeit einen Bezug zu unserer Gesellschaft, Politik, Welt?
Ich sage: Setz dich hin, beruhig dich, du drehst dich in einem Karussell, das sich zu schnell dreht. Die Mode hat den Respekt vor der Kleidung verloren. Mein Job ist es, den Respekt für die Kleidung zurückzugewinnen. Merchandising und Werbung sind zu stark, zu dominant geworden in den vergangenen Jahren. Ich sage: Moment, macht mal halblang!
Frisst sich das System selbst?
Die Schönheit verschwindet.
Warum?
Die Beschleunigung der Dinge verhindert es, dass man darüber nachdenkt. Zweifel werden ausgeschlossen. Alle folgen. Bis alles allem ähnelt. Eine Art Gleichschaltung.
Mit Marken.
Ja, genau. Logos gehen um. Marken. Seelenlose, von Maschinen gefertigte Marken.
Schon mal ans Aufhören gedacht?
Ja, gerade vor zwei Jahren.
Und?
Ich litt. Ich kämpfte gegen den Gedanken. Dann dachte ich mir: Komm rein, Gedanke. Plötzlich war mir alles egal. Ich machte weiter. Aber in Wirklichkeit machen Sie hier gerade ein Interview mit einem Designer, der sich längst zur Ruhe gesetzt hat.
Machen Sie Sport? Außer Kung-Fu?
Ich mache kein Kung-Fu. Ich mache nur Karate. Kein Tennis, Fußball, Joggen. Karate ist mein Ding, weil es für mich wie Klavierspielen ist. Klavierstunden nehmen. Ich mag das. Seit zwölf Jahren.
Was ist mit Ihrer Musik? Ich hörte eines Tages Ihre CD…
Vergessen Sie’s.
Sie haben mehrere aufgenommen.
Wir haben die Musikabteilung geschlossen. Ich hatte eine ganze Musikproduktion.
Wie schade. Ich fand die gut! Sie sangen auch…
Auch.
Ein bisschen wie Leonard Cohen.
Das ist jetzt viel zu viel. Jetzt hören Sie aber mal auf!