Über dass Realitätspiel in Fotographie und Mode
Ein Interview mit Fotokünstler/Kurator Walter Seidl. Juni 2010
Walter Seidl wurde 1973 in Graz geboren und studierte Amerikanistik,
Kulturwissenschaften und Zeitgeschichte (Promotion) an Universitäten
in Graz, New York, Paris und Seattle. Diverse kuratorielle
Ausstellungsprojekte in Österreich, Bulgarien, Deutschland, Hongkong,
Japan, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Slowenien und den USA. Seidl
publiziert regelmäßig in Österreichischen und internationalen
Kunstzeitschriften. Seit 2004 betreut er die Kunstsammlung der Erste
Group. Der Autor, Kurator und Künstler lebt in Wien.
www.walterseidl.net
EMIS: Welche Position nimmt für dich die Fotografie als realitätsbildendes Medium ein?
SEIDL: Im Prinzip handelt es sich bei der Fotografie um ein Medium, das es seit mehr als 150 Jahren gibt. Zu Beginn dachte man, dass Realität oder Wirklichkeit damit dokumentiert oder sozusagen ein Abbild der Wirklichkeit geschaffen werden könnte. Aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts der Kunst- bzw. Fototheorie ist es immer klarer geworden, dass Fotografie einen sehr subjektiven Umgang zeigt, dass jedes Foto als Konstrukt des Fotografen/der Fotografin gilt. Die "Realität", die abgebildet wird, ist natürlich sehr stark konstruiert und hängt von der Person ab, die hinter der Kamera steht.
Wie sieht es diesbezüglich in der Modefotografie aus?
Ich denke, dass Fotografie als Konstrukt des Realen vor allem in den 1990er Jahren sehr wesentlich wurde, in denen sich auch die „Gender“ Theorie weiterentwickelte und in den Kulturwissenschaften Fragen der Auflösung zwischen männlich und weiblich ein Thema wurden. Dementsprechend war das Ganze natürlich auch in der Modefotografie spürbar. Traditionelle Rollen wurden aufgelöst, da auch jenes klassische Stilbewusstsein ein bisschen weggefallen war. Man versuchte eine natürlichere Umgebung zu schaffen, die eher unkonstruiert und real wirken sollte, aber eigentlich überkonstruiert war. Die Modefotografie versucht in natürliche Welten oder Realitäten einzudringen, aber genau mit jenen Mitteln der Konstruktion, wodurch der Spielraum zwischen Realität und Fiktion wiederum stärker wird.
In deinem Buch „DISplay“ erforscht du die Realität/ Surrealität zwischen den Geschlechtern. Was fasziniert dich an der Thematik?
In meinem Umgang mit der Fotografie ist es wesentlich, dass es um die Frage der Inszenatorik geht: wie weit sich Personen natürlich inszenieren, und in wie weit ich als Fotografierender die Personen inszeniere. Wobei es in meiner Fotografie auch darum geht, dass es schwer festmachbar ist, ob es sich jetzt um einen Schnappschuss handelt, da sich die Personen so wie im natürlichen Leben wieder geben oder ob die Bilder von mir konstruiert sind, und genau da spiel ich eben mit dieser Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion. Hierbei ist es schwer erkennbar, ob es sich um Models handelt, die ich inszeniere oder um Personen, die einfach so ins Leben treten. In dem Fall ist es natürlich eine Mischung aus beidem, aber es ist schon auch sehr stark die Inszenatorik der Personen selbst und genau das ist für mich das Spannende, dass ich jene Grenzen verwische, wo nicht genau klar wird, wer welchen Eingriff ins Bild gemacht hat, wer die Manipulation gemacht hat.
Wie ist das für dich in der Mode, inszenieren Designer Personen durch ihre Kleider?
Kunst setzt sich damit auseinander, dass ein reflektorischer Umgang mit der Realität entsteht und auch ein gewisses Normalitäts-Denken aufgebrochen wird. Gerade in der Mode und speziell bei den japanischen Designern ist es auch so, dass die Grenzen einer unter Anführungsstrichen normalen Mode aufgebrochen werden.
Das heißt, es geht nicht unbedingt darum Mode an den Körper anzupassen, sondern eher den Körper aufzubrechen, durch die Mode zu dekonstruieren. Das ist auch eine Frage der „Gender“ Thematik: jene Rollen, die klassischen Verhältnisse von Mann und Frau aufzubrechen. Und genau so ist es bei den Japanern der Fall, die eigentlich gegen jedes Körpermaß oder gegen jegliche traditionelle Körperlichkeit vorgehen. Das finde ich einen sehr spannenden Umgang, der dann in der Fotografie mit ihrer Inszenatorik und auch bei den Personen in meiner Fotografie auftaucht. Sehr stark zu sehen ist dieses Aufbrechen traditioneller Kleidungsvorschriften, des Verhaltens und auch der Körpermimik.
Bei den Japanern ist das ja noch extremer als bei uns, weil sie eine sehr Form-bewusste Gesellschaft sind. Wie denkst du spielt sich das bei uns in Österreich ab?
Also das hängt von den Gesellschafts-Verhältnissen ab, oder unter welchen gesellschaftlichem Druck die Personen entweder sehr locker oder sehr konservativ agieren. In Japan ist es natürlich genauso: dass eben ein sehr starker Persönlichkeitsdruck herrscht. Jeder Japaner, jede Japanerin muss 24 Stunden funktionieren, hat kaum Urlaub und steht permanent unter Arbeitsdruck. Da kommt es natürlich auch dazu, dass es diese extremen Formen im Umgang mit Mode gibt. In Österreich würde ich sagen ist dies eher nicht so stark vertreten, da österreichische Geschichte und Kultur sehr stark dominierend sind, Österreich nach wie vor eigentlich ein sehr historisches Land ist, das auf dieser Tradition aufbaut. Japan im Vergleich war Jahrhunderte lang von der Welt abgeschnitten und ist erst seit Ende des 19. Jahrhunderts im Kontakt mit dem Rest der Welt. Was dabei beeindruckend ist und wodurch die Japaner sich von den meisten Kulturen unterscheiden, ist wie schnell sie sämtliche westliche Kulturwerte aufgegriffen haben, um diese dann zu perfektionieren, besser als Europäer oder Amerikaner eigentlich dazu imstande wären. Das führte schlussendlich auch zu Japans Wirtschafts-Boom in den Achtzigern.
Wir haben die Japaner also dargestellt, als eine Kultur, die eher adaptiert und Dinge nicht ersetzt sondern Dinge versucht zu verbessern oder versucht zu erweitern. Denkst du, dass die Japaner momentan in der Modewelt, in ihrem Design führend sind?
An und für sich handelt sich es um sehr qualitativ hochwertige Produktionen, also alles wirklich bis zum letzten perfektioniert. Und zum anderen ist es genauso wie in der Kunst, ein ganz geringer Prozentsatz schätzt Kunst und schätzt vor allem radikale Kunst, und so ist es natürlich auch mit der japanischen Mode, die stets einen Schritt voraus ist und eigentlich nicht unbedingt als klassische Mode wie beispielsweise die der Italiener gilt, sondern wirklich einen Schritt weiter geht. Hier ist natürlich genauso dieAkzeptanz eine sehr geringe, weil Akzeptanz für alle Formen der Radikalität nur in einem sehr kleinen Gesellschaftsbereich zu finden ist bzw. zeitgenössische Kunst und radikale Mode leider nur ein sehr kleines Publikum ansprechen.